Archive for Dezember, 2006

Kino war mal ein Erlebnis

Sonntag, Dezember 31st, 2006

Kino war einmal ein echtes Erlebnis. Für alle Sinne. Wenn ich an die herbeigesehnten nächsten Teile der “Herr der Ringe” - Trilogie denke. Oder an Matrix. Bildgewaltig, tricktechnisch raffiniert, klangvoluminös. Es machte einfach Spaß, sich in andere Welten entführen zu lassen. In der letzten Zeit hingegen nur Enttäuschungen. Ich suche meine Filme sehr sorgfältig aus, da ich nicht oft ins Kino gehen kann. Da war der hochgelobte Film “The Departed”. Ein erfahrener Regisseur wie Martin Scorsese. Eine Mafia-Thematik, gemixtpaart mit einem Polizeithriller und hochkarätigen Schauspielern. Die Kritiken überschlugen sich. Eigentlich hätte nichts schiefgehen können. Fassungslos sah ich zu, wie eine in eineinhalb Stunden fast bis zum Nervenzerreißen aufgebaute Spannung in einer Orgie aus spritzendem Blut und herumfliegender Gehirnmasse, letztlich in banaler Brutalität ersoff. Angewidert verliess ich das Kino. Wie konnte ein so renommierter Regisseur den Plot in der letzten viertel Stunde voll gegen die Wand fahren? Ein Rätsel. Und gestern sah ich “Babel”. Ein interkultureller Mix aus Kindheits-, Pubertäts-, und Ehekrisen auf drei Kontinenten, hin- und her-, vor und zurückgeblendet, bis sich dem Zuschauer endlich die Zusammenhänge der Geschichten erschlossen. Dazwischen viele abgegriffene Klischees: Kindheit im kargen Marokko, illegale Einwanderer in Mexiko, Beziehungsdrama amerikanischer Touristen, die seelischen Nöte eines tauben Mädchens Teenagers im quirligen Tokio. Manchmal hatte es durchaus seinen ästhetischen Reiz, wenn Schnitte plötzlich das weite, menschenleere Marokko mit dem alptraumartig trubeligen Tokioter Nachtleben kontrastierten. Aber mir reichte das nicht. Denn vier angerissene Geschichten sind noch keine Einheit. Und ein Preis für die beste Regie ist noch kein Garant für einen guten Film…

Saddam, die Rache und die Gerechtigkeit

Freitag, Dezember 29th, 2006

Wie schwer sich die Welt tut, wenn es um Gerechtigkeit geht. Das zeigt sich an Saddams Prozess. Rache schworen viele. Recht wurde gesprochen. Wenn auch verfahren, denn das Verfahren ähnelte oft einer Farce. Die Revisision: abgelehnt. Potentielle Vollstrecker drängeln sich zu Hunderten in den Rekrutierungsbüros. 3o Tage Zeit, um einen Diktator, der viele tausend Menschen foltern und ermorden ließ, seiner Strafe zuzuführen. So fordert es das irakische Gesetz. Doch warum die Eile? In amerikanischen Todeszellen sitzen die Delinquenten manchmal 15 Jahre, bis sie (dilettantisch) hingerichtet werden. Straßen-Interviews im Irak zeigen athmosphärisch, dass die Exekution zur Unzeit kommt. Dass weitere Gewalt und weitere Unruhen zu befürchten sind. Währenddessen nutzt Saddam seine Chance, sich öffentlichkeitswirksam zum Märtyrer hochzustilisieren. Hier ist etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen. Die Unmöglichkeit, den Irak mit rein militärischen Mitteln zu befrieden. Der von vorn herein zum Scheitern verurteilte Versuch, der Region Demokratie aufzuzwingen. Die spätestens seit Abu Ghoraib verlorene moralische Integrität der amerikanischen Besatzer. Eine unerfahrene Regierung, die völlig überfordert ist. Und in dieser ohnehin explosiven Situation soll die Abrechnung mit Saddam und den Schrecken seines Regimes gelingen? Wohl kaum. Klüger wäre es, das Urteil aufzuschieben und den Mann für fünf Jahre wegzusperren. Dann hätte der Irak Zeit, sich zu konsolidieren. Und Gerechtigkeit könnte an die Stelle schneller Rache treten. Denn: Auge um Auge macht die Welt blind…

Nachdenkliches zwischen den Jahren

Mittwoch, Dezember 27th, 2006

Gestern hörte ich, dass mein Schwager eine neue Yacht gekauft hat. Für eine Summe, von der ich bei momentanem Lebensstandard zehn Jahre leben könnte. Um zwei, maximal drei Wochen pro Jahr darauf zu verbringen. Das machte mich nachdenklich. Und bringt mich zu meinem Text-Tipp für die Zeit zwischen den Jahren: Runterschalten (oder neudeutsch: Downshifting) von den Riesenmaschinisten Kathrin Passig und Holm Friebe. “Es handelt davon, die Lebensbereiche Karriere und Konsum synchron herunterzupegeln - sowohl die Produktionssphäre, (…) als auch die Reproduktionssphäre, wo kompensatorischer Konsum für die Zumutungen der Vollzeitarbeit entschädigen soll” (Berliner Zeitung vom 25.10.2006). Zwar schon etwas älter, aber dennoch sehr lesenswert! Weil die aufgeworfenen Fragen nicht nur jeden midlife-crisler mitten ins Mark treffen: Erweckungsgeschichten der Downshifter (…) handeln (…) davon, wie der oder die erfolgreiche Karrierist/Karrieristin in einem Businessmeeting schlagartig von der Erkenntnis übermannt wird, dass das alles keinen rechten Sinn hat, woraufhin der Schritt ins bescheidene, aber bedeutsame Leben vorbereitet wird.” Die Ratgeber für den Start in die zweite Lebenshälfte weisen in diesem Zusammenhang auf die Wichtigkeit hin, zum Träger von Kultur und Bildung zu werden. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass dies eine sehr zwiespältige Sache sein kann. Aber dennoch tut es einfach gut zu wissen: Da sind noch mehr Leute, die nicht länger Produkte verkaufen wollen, die die Welt nicht braucht. Ich bin nicht der Einzige, der sich Gedanken darüber macht, wie ich meine verbleibenden Jahre sinnvoll nutzen kann. Ich bin nicht der Einzige, der sich mit der schrecklichen Erkenntnis quält, wie viel Schaden meine Spezies schon angerichtet hat. Es gibt auch andere, die überlegen, was sie tun können, um die Lage nachhaltig zu verbessern. Auch wenn es kitschig klingt: Mir jagen immer noch Schauer über den Rücken, wenn ich an das alte, abgegriffene Zitat von Häuptling Seattle denke. “(…) Wenn ihr den letzten Fluss vergiftet habt, werdet ihr merken, dass ihr Geld nicht essen könnt.” Den O-Ton dieses weisen Mannes wünsche ich mir heute ins Chinesische und Indische übersetzt…

P.S. Und eben, in einer arte-Sendung über die paradiesisch-schönen Vancouver-Islands in British Columbia, höre ich eine etwa 25jährige Indianerin sagen: “Wollen wir denn wirklich, dass nur drei Arten überbleiben: Ratten, Menschen und Krähen?”

Klischees am Heiligabend

Sonntag, Dezember 24th, 2006

Heiligabend. Eine Fülle von Klischees. Mir fehlt das Echte. Bei Klassik-Radio singt das Rat Pack Weihnachtslieder. Wenn Dean Martin von weißer Weihnacht träumt, denke ich an Einsamkeit. Was man tun kann, wenn keiner mit einem spielt, demonstriert Andrew Bird in Sovay. Nächstes Weihnachtsklischee: Vom Rummel angekotzt sein. Wie man sich fühlen kann, wenn sich Weihnachten so gar nicht erschliessen will: Frisch Erbrochenes vom Textspeier, dessen Wortgewalt mich immer wieder genauso in Schrecken versetzt, wie die Vermutung, dass die Ähnlichkeit mit manchen meiner Gedanken wohl nicht nur rein zufällig ist. Oder darf es mal etwas ganz anderes sein? A Festivus for the Rest of us vielleicht? Skurril, aber irgendwie auch am Thema vorbei. Ich gestehe offen und ehrlich mit Weihnachten hoffnungslos überfordert zu sein. Ausserdem vermiest mir eine hartnäckige Erkältung und feuchtkaltes Regengrau die Laune. Ich werde mich am Besten ins Bett zurück- und die Decke über den Kopf ziehen, bis diese Notlage überstanden ist.

Besinnungsaufsatz

Freitag, Dezember 22nd, 2006

Menschenmassen schieben sich durch die Konsumtempel. Letzte Geschenke wollen ergattert sein. Gereiztheit allüberall so kurz vor dem Fest. Quengelnde Kinder werden von genervten Müttern weitergezerrt. Lange Schlangen vor den Kassen. Keifende Kraftfahrer. Hupkonzerte. Eine Blechlawine auf überfüllten Parkplätzen. Dazu warmes Wetter, das eine weihnachtliche Stimmung so gar nicht aufkommen lassen will. Eigentlich dasselbe wie jedes Jahr. Heiligabend wird sich der Stress hoffentlich gelegt haben. Nach der Bescherung, wenn Gans oder Pute den Bauch gefüllt und die Stimmung milde gemacht haben. Wenn die überströmende Freude der Kinder für alle Mühe entschädigt hat. Vielleicht ist dann Zeit, sich zu besinnen. Darauf, wie gut es uns geht. Wie reich wir sind. Nicht umsonst sind die Christmetten immer überfüllt. Und wenn das Glockengeläut die Gläubigen (oder diejenigen, die nur Weihnachten ihren Weg in die Kirche finden) in mindestens zwei freie Tage entlässt, dann, spätestens dann beginnt die Besinnlichkeit, welche dieses Fest fordert.

Tulpen, die zweite…

Donnerstag, Dezember 21st, 2006

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Sorry, dass ich Sie schon wieder mit Tulpen langweile. Ich bin gerade sehr unter Strom. Pendele zwischen Gitarre und Rechner hin und her. Musik machen, Photo shoppen, in mir brodelt es. Irgendwas muss raus. Warum nicht Tulpen? Sie sind erschwingliche Blumen, die etwas Farbe in den grauen Dezember bringen. Draussen finde ich kaum Motive für meine Kamera. Ausserdem habe ich im Moment nichts Genialisches zu vermelden. Aber das kann sich ja noch ändern. Ich bin dem Tipp von Sylvia Richard gefolgt und habe mir ein Buch gekauft. Titel: Point Zero - entfesselte Kreativität. Klingt vielversprechend, oder?

Haunted

Mittwoch, Dezember 20th, 2006

“Heimgesucht” heisst eine Ausstellung, die noch bis zum 28. Dezember im Feld für Kunst e.V., Museumstrasse 31, Videos, Installationen und Fotografien von Elmar Hess, Alexander Ranner, Francis Wiese, Karin Missy Paule und Martin Heckmann zeigt. Die Arbeiten können sonnabends und sonntags von 17 bis 20 Uhr angeschaut werden. (Quelle: Altonaer Wochenblatt)

Zähneknirschender Musiktipp

Dienstag, Dezember 19th, 2006

Ein verstörendes Ereignis. Ich komme mir vor wie Salieri in dem Film “Mozart” von Milos Forman. Diese qualvolle Mixtur aus tiefem Neid und großer Bewunderung. Für ein Genie auf sechs Gitarrensaiten. Eben beim Surfen bin ich auf Andy McKee und sein Album Art of Motion gestoßen. Ein junger Mann in den Zwanzigern spielt open tuned steel stringed guitar mit einer melodiösen Kraft und einer intensiven Perkussivität, die mich einfach wegpustet (Anspieltipp: Drifting. Video auf YouTube von rpoland). Ich erinnere mich an die frühen 80er, als ich im Eppendorfer “Onkel Pö” William Ackermann und Alex de Grassi lauschte und gierig auf die Finger blickte. Das war lange bevor Windham Hill berühmt wurde. Nach dem Konzert stimmte ich meine Gitarre um. Und heute: Ich spiele seit 25 Jahren Gitarre. Gar nicht mal schlecht. Aber wenn man plötzlich und unerwartet einem Virtuosen begegnet, dessen Können fast schon überirdisch gelassen, wie ein ruhiger Fluss daherkommt, dann ist Demut angesagt. Und Akzeptieren. Zähneknirschend. Manchmal ist das Leben einfach ungerecht…

Fuhrpark

Montag, Dezember 18th, 2006

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Es war irgendwie merkwürdig. Ich nutzte die wenigen Sonnenstrahlen für einen Spaziergang und kam an einem sonst sehr belebten Kinderspielplatz vorbei. Eigentlich erwartete ich eine kleine Horde kreischender Kiddies. Doch diesmal: fast gespenstische Ruhe. Keine Kinder weit und breit. Vielleicht der Kälte wegen. Stattdessen: ein gigantischer Fuhrpark. Verlassene Roller, Dreiräder, Bollerwagen, wild durcheinandergeparkt. Ein unheimlicher Anblick. Als ob das Leben plötzlich erstorben wäre. Spielzeuge, Puppenküchen, Knall auf Fall liegengelassen. Hatte die Erzieherin zum Essen gerufen? Amerikanische Filme kamen mir in den Sinn. Straßenszenen nach einem Atombomben-Abwurf. Bedrohliche Leere. Keine Menschen. Beängstigend. Aber ein Spielplatz ohne Kinder hat schon etwas Widernatürliches…

Mash-up

Sonntag, Dezember 17th, 2006

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Mashups sind die Cocktails des Web 2.0. Daten zirkulieren frei durchs Netz und können dank offener Schnittstellen zu völlig neuen Angeboten kombiniert werden (zit. n. Corina Lange). Lange bevor diese Möglichkeiten bestanden, habe ich - als begeisterter Bildbearbeiter - meine eigenen Cocktails gemischt. Bilder, die ich irgendwo im Netz gefunden habe, zu etwas Neuem kombiniert. Zu meinem ganz persönlichen Vergnügen. Um mich auszudrücken oder um meiner langweiligen Arbeit zu entkommen. Heutzutage gibt es Creative Commons und Flickr.com. Gott sei Dank. Und so ist auch dieses Bild ein Cocktail, weder gerührt noch geschüttelt. Eine Mischung zweier Bilder aus der Flickr-Zufallsauswahl: aus einem schwarzweissen Aktfoto und einem farbigen Blumenbild. Wenn Ihnen das Bild zu klein ist, um etwas zu erkennen, nehmen Sie es einfach als phantasieanregenden Farbtupfer…